aus Pferd & Freizeit (2006/2)
VFD-Verbandszeitschrift
Autor: Dr. rer. nat. Renate U. Vanselow
Redakteur: Nicole Fersing (18.09.2006)
Wohlstandskrankheiten bei Pferden?
Pferdehaltern sollte die Gesundheit ihres Pferdes der Maßstab sein. Sind die Wohlstandserkrankungen der Pferde Realität? Wenn ja, so muss man fragen: Sind in wenigen Pferdegenerationen nach Jahrhunderte langer Zucht die Pferde seit dem Zweiten Weltkrieg plötzlich genetisch degeneriert, oder haben sich die womöglich Haltungsbedingungen einschließlich des Futters grundlegend geändert?
Als Beispiel soll hier die Hufrehe durch Grünland dienen. Im Pferd kommt
es zu folgenden Prozessen:
Das Pferd nimmt im Tagesverlauf große Mengen von Gras auf, das hohe Mengen
an Fruktanen enthält. Diese Kohlenhydrate dienen in der Pflanze unter anderem
der Speicherung und dem Transport, sind aber für Pferde nur schwer verdaulich.
Bei Stress wie Trockenheit oder Kälte bilden Gräser besonders viel
Fruktane. Die körpereigenen Enzyme des Dünndarmes können die
Fruktane nur unvollständig zerlegen. Daher gelangen sie in den Dickdarm
mit seinen Gärkammern. Dort stören die Fruktane das dortige ökologische
Gleichgewicht der Mikroorganismen: Einige dieser Symbionten können sich
massenweise vermehren, weil sie die Fruktane verwerten können. Sie bauen
sie zu organischen Säuren ab. Der pH-Wert des Darmes sinkt von normal 6,5
auf bis zu 4,0 ab. Das bewirkt ein Massensterben von Mikroorganismen. Die Darmschleimhaut
wird durch den sauren Wert geschädigt.
Schließlich können schädliche Abbauprodukte und Zellwandbausteine der toten Mikroorganismen über die geschädigte Darmwand in die Blutbahn gelangen. Das Immunsystem ist in Alarm, es kann zu schockartigen Zuständen kommen, die Durchlässigkeit der Blutgefäße verändert sich. Feine Blutgefäße werden verstopft. Betroffene Gewebe schwellen an, in der Huflederhaut kommt es zur so genannten Hufrehe. Es findet eine allergische Sensibilisierung statt, die für die weitere Haltung des Pferdes problematisch ist.
Fruktane, in botanischer Literatur teilweise auch als Laevane bezeichnet, sind in Gräsern völlig normale Bausteine. Es handelt sich dabei um einen Sammelbegriff, der unterschiedlich lange Fructosyl-Zucker bezeichnet. Bekannt sind der Phlein-Typ in Gräsern und der Inulin-Typ in Korbblütlern (Dahlie, Topinambur, Löwenzahn, Chicoree). Entscheidend ist die Menge, in der diese schwer verdaulichen Kohlenhydrate vorkommen. Die Konzentration ist nicht konstant, sondern abhängig von Grasart, Zuchtsorte, Boden und Klimabedingungen, also Temperatur, Sonneneinstrahlung, Niederschlag und Luftfeuchtigkeit, und kann beträchtlich schwanken.
Einige Beispiele:
Knaulgras enthält pro Kilo Trockenmasse Gras nur 8 Gramm bei Wärme
(11 bis 25 Grad Celsius) 130 Gramm bei niedrigen Temperaturen (5-10 Grad Celsius).
Wiesenschwingel enthält bei warmen Temperaturen kein Fruktan, bei 5 bis
10 Grad Celsius 220 Gramm; Deutsches Weidelgras enthält 10 bis 210 Gramm;
in Lieschgras konnten Konzentrationen von 2 (Wärme) bis 111 Gramm (Kälte)
pro Kilo Grastrockenmasse nachgewiesen werden.
Wie sind diese Werte für Pferde einzustufen?
Als Auslöser klinischer Hufrehe rechnet man mit 7,5 Gramm Fruktan pro Kilogramm
Lebendgewicht (LG) des Pferdes, als kritisch gelten bereits 5 Gramm/Kilogramm
LG. Ein Pferd frisst pro Tag ca. 2 bis 2,5 Prozent seines LG als Trockensubstanz.
Frisches Gras enthält etwa 20 Prozent Trockensubstanz.
Angenommen, ein Pferd wiegt 500 Kilogramm und frisst am Tag 500 mal 2,5 Prozent
= 12,5 Kilogramm Trockensubstanz Gras, entsprechend 62,5 Kilogramm frischem
Gras. Bei ungebremster Fressleidenschaft in 24 Stunden durchaus ein möglicher
Wert.
Dann hätte dieses Pferd bei dem Weidelgras aus der Tabelle unter kalter
Witterung 12,5 x 210 : 500 = 5,25 Gramm Fruktan pro Kilogramm LG aufgenommen
und liegt dann im kritischen Bereich. Zwar frisst das Pferd diese Menge über
24 Stunden verteilt und nicht auf einen Schlag. Doch gibt es unterschiedlich
empfindliche Tiere und unterschiedlich effektive Verdauungstypen.
Bekannt ist, dass hochleistungsfähige tetraploide (verdoppelter Erbgutsatz,
entsprechend wie bei den Getreiden) Weidelgräser im Schnitt höhere
Fruktanwerte zeigen als normale diploide Sorten.
Von Bedeutung für das Pferd ist, dass kurzkettige Fruktane von den Mikroorganismen
des Darmes schneller verarbeitet werden können, während langkettige
nur langsam aufgeschlossen werden. Daher sind Erstere besonders gefährlich
in Bezug auf Hufrehe.
Auch Rinder können Klauenrehe bekommen, die bei ihnen jedoch zumeist die
Hinterbeine betrifft. Doch haben Rinder ihre Gärkammern mit den Mikroorganismen
bereits zu Beginn des Verdauungskanals, in den Mägen, die für die
Verwertung offensichtlich gerüstet sind.
Wie schon erwähnt verdrängten einige wenige besonders anbauwürdige, sprich leistungsfähige Gräser eine Vielzahl von weniger produktiven Gräsern, die noch vor sechzig Jahren als ansaatwürdig galten. Diese früher genutzten Arten hatten oft Nachteile wie geringe Schmackhaftigkeit, mangelnde Vertrittfestigkeit, geringe Erträge bei wenig Düngefreudigkeit, besondere Standortansprüche an Boden und Klima, schlechtes Narbenbildungsvermögen oder frühe Alterung mit Verholzung und derben, kieselsäurehaltigen Strukturen. Je ärmer die Böden waren, umso derber und unattraktiver war zumeist das Futterangebot.
Um die modernen Gräser kultivieren zu können, mussten die Böden entsprechend aufgedüngt werden. Summiert man die Überschüsse von 1950 bis 1986 auf, so ergibt sich ein durchschnittlicher Überschuss von 2000 Kilo pro Hektar an Kalium, 900 Kilo Phosphor pro Hektar und etwa 2400 Kilo Stickstoff je Hektar. Die Eutrophierung der Böden stellt auch heute in der Renaturierung von Naturschutzflächen aus ehemaligen Intensivflächen ein großes Problem dar. Die Verarmung der Böden (Aushagerung) kann je nach Bodengüte auch ohne Düngung bei bis zu vier Mahden jährlich Jahre oder Jahrzehnte dauern, wenn sie überhaupt sinnvoll und aussichtsreich ist.